Nikolaus Wilhelm-Stempin M.A. (München), 01.11.2004.

Lexikalische Besonderheiten bei den Kroaten in der Slowakei

Die sprachliche Nähe zwischen dem Slowakischen und dem Kroatischen zog eine wechselseitige Beeinflussung beider Idiome nach sich. So hat nicht nur das Slowakische in den kroatischen Mundarten Spuren hinterlassen, sondern auch in entgegengesetzter Richtung nahm das Slowakische kroatischen Wortschatz auf. So sollen bis heute ältere Einwohner aus dem einstigen Kroatendorf Šenkvice noch einige kroatische Wörter wie chrast „Eiche“, kokoš „Huhn“, krčica „kleiner Garten“, krumple „Erdäpfel“ u.a. gebrauchen (Dubovský 1994, 203). Auch in der Záhorie kam es früher zu einem sprachlichen Austausch.

Übereinstimmung herrscht unter den Linguisten darüber, dass gegenwärtig die Mundart von Hrvatski Grob die meisten Slowakismen aufweist (Botík 2001, 77; Beňušková 1985, 217), die wenigsten finden sich in den Dörfern der Zádunajská oblasť (Hrvatski Jandrof und Čunovo).

Z. Beňušková geht für Hrvatski Jandrof von überwiegend deutschen und ungarischen Einflüssen aus, für Devinsko Novo Selo von deutschen (Beňušková 1985, 217). Im folgenden soll dies kurz untersucht werden. Die hier gebrauchten Kürzel Jar (Hrvatski Jandrof), Čun (Čunovo), DNV (Devinsko Novo Selo) und ChG (Hrvatski Grob) zeigen die Herkunft der Lexeme an.



1. Entlehnungen aus dem Südslawischen



Im Wortschatz des Burgenlandkroatischen finden sich auch Lexeme, die entweder eine eigene kroatische Prägung aufweisen oder solche, deren Abstammung aus dem Kroatischen nicht zweifelsfrei festgestellt werden kann. Belege: ar „weil“, čemerno „schlecht“, kanit „werden, wollen“, malin „Mühle“ < kr. mlin, mrvu „ein wenig“, nikamor „nirgendwohin“, onde „damals“, pominat se „sich unterhalten“, sagdir „überall“, sakidanji „täglich“, seda „jetzt“, senek „immer“, stan „Haus“ (im Kroatischen mit der Bedeutung „Wohnung“), škuounjik „Lehrer“, tajedan „Woche“, ur „schon“, vetj „mehr“, vidit se „scheinen“, vieža „Küche“, zabit „vergessen“, znamda/znabit „vielleicht“ (Jar); bojovat „kämpfen“, othitit „wegwerfen“, pir „Hochzeit“ (auch in Teilen Dalmatiens bekannt), škuravina „Dunkelheit“ und škuri „dunkel“ (ChG); hranit se „sich schützen“, plačljiv „regnerisch“, vojevat „kämpfen“ (DNV); tr „und“ (Jar, Čun, DNV); žitak „Leben“ (Jar, Čun). Die lexikalische Nähe zwischen dem Westslawischen und dem Slowenisch-Kajkavischen erschwert hinsichtlich der Abstammung einiger Lexeme eine genaue Einordnung. G. Neweklowsky charakterisiert diese Lexeme als „Isolexen, die das Slowenische, Kajkavische, Čakavische und Šćakavische verbinden und gegen das östliche Štokavische, Makedonische und Bulgarische abgrenzen“ (Neweklowsky 1978, 255). Eindeutig dem slowenisch-kajkavischen Wortschatz zuzuordnen sind folgende Lexeme: čuda „viel“, delo/dielo „Arbeit“, delat/dielat „arbeiten“, duoma „zu Hause“, prez „ohne“ < slowen. brez; prosit „bitten“, škuoda „schade, Schaden“, zaprit „schließen“ (Jar, Čun, ChG, DNV); gaj „kleiner Wald“ (ChG); gret „gehen“ < slowen. greti; hiža „Zimmer“ < slowen. hiša „Haus“; maša „Messe“, poljodielstvo „Landwirtschaft“ (Jar); guodina „Regen“ (DNV).



2. Entlehnungen aus dem Deutschen



Der deutsche Einfluss auf das Burgenlandkroatische ist naturgemäß dort am größten, wo die Kroaten in Nachbarschaft zur deutschsprachigen Bevölkerung lebten. So beeinflusst in Österreich der deutsche Wortschatz weiterhin den lexikalischen Bestand der kroatischen Mundarten und ersetzt häufig auch kroatische Ausdrücke, die bei der Bevölkerung – oft auch individuell – in Vergessenheit geraten sind. Der Umgebung entsprechend sind die deutschen Lehnwörter nicht aus der Hochsprache übernommen worden, sondern aus niederösterreichischen und steirischen Dialekten (Brabec 1973, 86). Vielmehr dürfte es sich hier jedoch um die dörflichen burgenländischen Mundarten der einstmals bayerisch-fränkischen Einwanderer handeln, die wiederum die Sprache der bereits ansässigen Bevölkerung annahmen.

Auch bei den Kroaten in der Slowakei sind noch etliche deutsche Lehnwörter gebräuchlich, die dort aber älteren Datums sind und aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie stammen, und in vieler Hinsicht Bestandteil des allgemeinen burgenlandkroatischen Wortschatzes sein können. Modernere Einflüsse aus dem Deutschen sind in den Mundarten von Hrvatski Jandrof, Čunovo, Devinsko Novo Selo und Hrvatski Grob nicht mehr anzutreffen. Aus den einzelnen Ortschaften liegen folgende Belege vor, die jedoch nur eine Auswahl darstellen:

Hrvatski Jandrof: cukabeker „Zuckerbäcker“, cukr „Zucker“, curik „zurück“, einfort „Einfahrt“, Esterajh „Österreich“, fara „Pfarre“, farar „Pfarrer“, fiertal „1/4“, fiertig „fertig“, fiertuh „Schürze“, furt „weg, fort“, gonc „ganz“, jierbinstvo „Erbe“, kierat „gehören, obliegen“, kiritof „Kirchweih“, norac „Narr“, uohtal „1/8“, plac „Platz“, prauhat „brauchen“, rihtar „Gemeindeangestellter“, tanac „Tanz“, tancat „tanzen“.

Devinsko Novo Selo: buohtar „Wächter“, cug „Zug“: načerno cestovat s cuguom; ertefljine „Erdäpfel“, fajfa „Pfeife“, fušar „Schwarzarbeiter“ < dt. „Pfuscher“, grifl „Griffel“, grobar „Gräber“, gvirc „Gewürz“, hajat „schlafen“ < österr. „heia-gehen“, jagar „Jäger“, just „jetzt, nun“, khielnar „Kellner“, kragl „Kragen“, kriejda „Kreide“, kripl „Invalider, Krüppel“, ksiht „Gesicht“, ksindl „Gesindel“, laufšrit „Laufschritt“, luft „Luft“ neben vzduh und vazduh; mierkat se „sich merken“, plieh „Blech“, raferaj „Rauferei“, rajz „Reis“, raubar „Räuber“, šienkar „Wirt“, šluosar „Schlosser“, špic „Messerspitze“, špricat „(Weintrauben) bespritzen“, štiga „Treppe, Stiege“, štampruh „Steinbruch“, štampruhar „Steinbrecher“, šuh „Schuh“, šuostar „Schuster“, šuviks „Schuhcreme“, vardir „Wärter“, ženirat se „sich genieren“.

Hrvatski Grob: farar „Pfarrer“, gredenc „Kredenz“, fertuh „Schürze“, maler „Maler“, štrudla „Strudel“, tancat „tanzen“.



3. Entlehnungen aus dem Slowakischen (und Tschechischen)



Während der Einfluss der slowakischen Lexik auf das Burgenlandkroatische im allgemeinen als sehr schwach angesehen werden kann, ist er in den Dörfern nahe Bratislava aufgrund der Nachbarschaft und des Zusammenlebens beider Völker erwartungsgemäß sehr hoch. Dies kann besonders in Devinsko Novo Selo und Hrvatski Grob festgestellt werden, da sich beide Siedlungen schon länger im (tschecho-) slowakischen Staatsverband befinden, so dass in den dortigen Mundarten die Slowakismen vor anderen Einflüssen eindeutig überwiegen.

Im Kroatischen, das in Hrvatski Jandrof und in Čunovo gesprochen wird, sind die slowakischen Einflüsse auf den lokalen Wortschatz dagegen neueren Datums, da sich dieses Gebiet erst seit 1947 innerhalb der Slowakei befindet und dort früher kaum Slowaken gesiedelt hatten. Das Burgenlandkroatische ist demnach in diesen beiden Orten – zumindest bei den Sprechern der älteren Generation – noch in etwas reinerer Form erhalten als in den Siedlungen nördlich der Donau. Die mittlere Generation hat bereits eine Reihe von slowakischen Lexemen in ihre Sprache aufgenommen.

Die folgenden Beispiele zeigen eine Auswahl von Slowakismen in den kroatischen Mundarten der einzelnen Dörfer. Viele dieser Lexeme sind im Tschechischen identisch:

Hrvatski Jandrof: albo/alebo „oder“, bivat „wohnen“, Dunaj „Donau“, hlap „Bursche, Kerl“, mestni urad „Gemeindeamt“, pritjegnut „anziehen, begeistern“ < slowak. priťahnuť „anziehen“, simo „her, hierher“ < sem; škuoda „schade, Schaden“, prosit „bitten“, začinat „beginnen“, zapominat „vergessen“.

Devinsko Novo Selo: djivadlo „Theater“, divit se „sich wundern“, kuolo „Fahrrad“, kus „Stück“, patrit „gehören“, piniez „Geld“, pisatji stroj „Schreibmaschine“, pradlo „Wäsche“, prehod „Übergang“, pršit „regnen“, rihlik „Schnellzug“, strom „Baum“, špina „Schmutz“, špinav „schmutzig“, štat „Staat“ < slowak. štát < dt. Staat; Talijansko „Italien“, trapit se „sich fürchten“, veltrh „Markt“, verejnuost „Öffentlichkeit“.

Hrvatski Grob: alebo „oder“, blisko „nah“, cibula „Zwiebel“, Dunaj „Donau“, ešče „noch“, hmla „Nebel“, hlap „Bursche, Kerl“, lacni „billig“, midlo „Seife“, napoj „Getränk“, okno „Fenster“, otpočivat „ausruhen“, pinezi „Geld“, polivka „Suppe“, spisovatel „Schriftsteller“, spominat „sich erinnern“, strom „Baum“, uplno „ganz, völlig“, vajco „Ei“, zas „wieder“, zrucanina „Ruine“.



Aus dem Tschechischen stammen nur wenige Lexeme, die möglicherweise durch Vermittlung über die westslowakischen Záhorie-Dialekte in das Kroatische kamen: jilo „Speise“ < jidlo (Jar); pruo „für“ < pro (DNV, ChG); svitit „scheinen“, špatno „schlecht“ < spatné (DNV); tekej/takej „auch“ < také; zrcalo „Spiegel“ < zrcadlo (Jar, DNV).



4. Entlehnungen aus dem Romanischen



Einige wenige Romanismen gelangten vor allem durch Vermittlung aus Dalmatien in den burgenlandkroatischen Wortschatz: cimitier (DNV), cimitar (Jar), cinter (ChG) „Friedhof“ (in Gestalt von cintorín auch ins Slowakische gelangt) < lat. Cemeterium; jačka „Lied“ < diaconus; kaštigat „bestrafen“ < castigare; štimare „glauben, meinen“ < ital. stimare (vgl. Neweklowsky 1978, 262); gleichfalls lateinischen Ursprungs, aber vermutlich durch Vermittlung aus dem Deutschen in die Mundart gelangt, die religiöse Terminologie miništrant „Ministrant“, sekreštija „Sakristei“ (DNV).



5. Entlehnungen aus anderen Sprachen



Weder bei den Kroaten des Burgenlandes noch in deren Mundarten in der Slowakei sind Turzismen gebräuchlich (Botík 2001, 77). F. Takacs begründet dies folgendermaßen: „Mi smo pobjegli pred turcima, pa mi smo alergični na njih“ (Takacs 1994, 24). Dennoch sind im österreichischen Burgenland Turzismen wie bubrig, ćorav, pamuk u.a. belegt. Bei den Kroaten der Slowakei können zumindest zwei Lexeme türkischen Ursprungs festgestellt werden: čižma „Stiefel“ (DNV, ChG) und žiep (Jar) bzw. žep (DNV, ChG) „Tasche“ < türk. cep.

Die zweitgrößte Entlehnungsgruppe im Burgenlandkroatischen soll – nach dem Deutschen –das Ungarische sein (Neweklowsky 1978, 257). Trotz der geographischen Nähe zum ungarischen Sprachgebiet sind in den Mundarten der Dörfer um Bratislava jedoch nur sehr wenige magyarische Entlehnungen bekannt: beteg „Krankheit“ mit seinen Ableitungen betežan, betežnik, betežat sowie hasan „Nutzen“ mit den Ableitungen hasnovat, hasnit (DNV) (Neweklowsky 1978, 261). Diese Lexeme sind auch in Hrvatski Jandrof bekannt. Gleichwohl ungarischen Ursprungs sind aldomaš „Opfer“ < aldomás „Leihkauf“; Verb: aldovati „opfern“; sowie auch das in Čunovo belegte orsak „Land“ < ország „Land“. Ebenso dürfte pohar „Becher“ < pohár „Becher“ (ChG) aus dem Ungarischen in das Kroatische gelangt sein.



Die lexikalischen Einflüsse bei den slowakischen Kroaten sind demnach nicht einheitlich: Während wir in den nördlich von Bratislava gelegenen Siedlungen Devinsko Novo Selo und Hrvatski Grob vor allem ältere Entlehnungen sowohl aus dem Slowakischen und dem Deutschen finden, sind in Hrvatski Jandrof und in Čunovo zwar die aus dem Deutschen stammenden Lehnwörter älteren Datums; die Slowakismen dagegen sind erst in jüngerer Zeit adaptiert worden. Lexikalische Entlehnungen aus anderen Sprachgruppen wie dem Romanischen, Türkischen und Ungarischen sind nur in geringer Zahl feststellbar.





Literatur:



- Beňušková, Zuzana 1985, „K niektorým problémom národopisého výskumu Chorvátov na okolí Bratislavy“, in: Slovenský národopis 33, Bratislava, 206-222

- Botík, Ján 2001, Slovenskí Chorváti, Bratislava

- Brabec, Ivan 1973, „Hrvatski govori u Gradišću“, in: Zvane Črnja, Mirko Valentić und Nikola Benčić (Hgg.): Gradišćanski Hrvati; Čakavski Sabor, Zagreb, 61-90

- Dubovský Ján, Henrich Lančarič, Ľubomíra Žáková 1994, Šenkvice, Šenkvice

- Neweklowsky, Gerhard 1978, Die kroatischen Dialekte des Burgenlandes und der angrenzenden Gebiete, Wien

- Pokorný, Viliam 1992, Hrvati u Devinskom Novom Selu – Chorváti v Devínskej Novej Vsi, Bratislava

- Pokorný, Viliam 1993, Hrvatsko etnikum v Devinskom Nuovom Seli, Bratislava

- Takacs, Ferdinand 1994, „Uloga crikve i crikvena štamapa u Slovačkoj“, in: Seminar o jeziku I 1994, Željezno/Eisenstadt

- Vulić, Sanja, Bernardina Petrović 1999, Govor Hrvatskog Groba u Slovačkoj, Zagreb

 
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